Liebe Wienerinnen, liebe Wiener, liebe Leser!

Mit dem Buch, das Sie nun in Händen halten, geht unsere Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ ins fünfte Jahr. Und ich bin stolz, dass unser engagierter Einsatz für Lesen und Literatur zu einem Fixpunkt der Wienerinnen und Wiener geworden ist. Nicht nur einmal werde ich im Laufe des Jahres gefragt: „Welches Buch wird heuer verteilt?“ Meistens verrate ich es nicht, denn die schönste Freude ist bekanntlich die Vorfreude. Und die Freude auf ein neues Buch, das man sich zu lesen anschickt, ist – für Buchfreunde wie ich einer bin – überhaupt eine der größten Freuden, die unsere Welt zu bieten hat. Stolz bin ich aber auch auf die internationale Beachtung, die Wien mit der Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ inzwischen gefunden hat. Dass Wien jedes Jahr 100.000 Bücher an seine Bürger verschenkt, hat sich nicht nur in der Verlagsszene herumgesprochen. Und wenn mir unser letzter Gast – der amerikanische Millionenseller John Irving – erzählt, dass er in Wien sein Hotel nicht verlassen konnte, ohne auf der Straße angesprochen zu werden, während er in New York beim Spaziergang auf dem Broadway meist unerkannt bleibt, sagt das viel über die Bedeutung des Buchs in unserer Stadt aus.
Im fünften Jahr darf ich Ihnen nun einen ganz besonderen Roman präsentieren, nämlich den Debütroman der amerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Toni Morrison ist nicht irgendeine literarische Stimme im Kanon der US-Autoren. Die in Princeton lehrende Professorin ist schlicht die bedeutendste amerikanische Erzählerin der letzten 25 Jahre – wie kürzlich die renommierte Tageszeitung New York Times nach einer Umfrage unter Experten feststellte. Denn Toni Morrison hat mit ihrem literarischen Werk etwas Unglaubliches geschafft. Sie gab der afroamerikanischen Minderheit der USA eine Stimme, ohne dabei Außenseiter-Klischees zu bedienen. Der Frau, die 1993 als erste Afroamerikanerin den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, geht es darum, zu zeigen, was in einer Gesellschaft passiert, die es sich erlaubt, ihre Minderheiten auszugrenzen.
In ihrem 1970 erschienenen Debütroman SEHR BLAUE AUGEN beschreibt sie ein schwarzes Mädchen, das die Lösung all ihrer nicht unerheblichen Probleme darin sieht, dass sie über Nacht blaue Augen bekäme. Denn Menschen mit blauen Augen werden – wie sie tagtäglich beobachten kann – von Eltern, Lehrern, Mitschülern und Nachbarn geliebt. Der Absurdität ihres Wunsches steht die brutale Wirklichkeit ihres Zuhauses gegenüber. SEHR BLAUE AUGEN ist keine leicht konsumierbare Romankost. Toni Morrison zeigt neben zahlreichen seelischen Verletzungen auch körperliche, und das Ende ist alles andere als ein glückliches. Aber lesen Sie bitte selbst.
Was hat das alles mit Wien zu tun?, könnte man jetzt fragen. Ich meine sehr viel. Denn selbstverständlich leben auch in Wien Minderheiten. Und für ein funktionierendes Miteinander in einer Gemeinschaft ist die Bereitschaft der Mehrheit, sich auch in die Rolle und in das Denken von Minderheiten hineinzuversetzen, außerordentlich wichtig. Gute Literatur kann da unendlich viel leisten. Und weil das Schicksal eines schwarzen Kindes in den USA der vierziger Jahre von Toni Morrison so eindrucksvoll geschildert wird, freut es mich wirklich, dass Sie dieses Werk interessiert. 100.000 Stück von SEHR BLAUE AUGEN wurden zur Verteilung im Rathaus, in Buchhandlungen, in den Büchereien Wien und in den Volkshochschulen gedruckt. Möglichst viele Wienerinnen und Wiener sollen mit diesem literarischen Meisterwerk konfrontiert werden.
Ich freue mich, dass dieses Buch den Weg zu Ihnen gefunden hat, und wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Dr. Michael Häupl
Wiener Bürgermeister & Landeshauptmann

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